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Kulturimpulse aus dem Neuwerden des Menschen

27 Juli 2009 Keine Kommentare PDF

Der Begriff des neuen Yogawillens beschreibt ein Neuwerden des Menschen, das ihn zu einer freieren Bewusstheit und schließlich auch zu einer schöpferischen, individuellen Handlungsfähigkeit erhebt. Der Wille zum Yoga ist gewissermaßen der innerste Wille zur Entwicklung und zur Realisation von Idealen einer neuen Kultur.

Wie können wir uns das konkreter vorstellen? Die Frage nach einem Neuwerden der Kultur stellt sich ja seit gut 100 Jahren, ja vielleicht schon seit 450 Jahren, mit immer größerer Dringlichkeit. Die Geschichte, gerade des 20. Jahrhunderts, lässt ein ungeheures Ringen um neue Formen und Inhalte in Politik und Sozialleben, in Kunst und Religion erkennen, das aber dann immer wieder den retardierenden Mächten der Vergangenheit und der Tradition unterliegt, bzw. sich zu kraftlos erweist, um den ersehnten Neubeginn zu schaffen.

So finden wir, um nur ein Beispiel zu nehmen, heute kaum einen Menschen, der sich nicht einverstanden erklären würde, wenn behauptet wird: “Wir brauchen eine neue Kultur, die den Materialismus überwindet und eine menschlichere, der Natur und dem Leben nähere Daseinsweise verkörpert.” Frägt man aber nun weiter, wie er sich die Umsetzung einer solchen Veränderung vorstellt, fehlen meist brauchbare und klare Vorstellungen. Dies deshalb, weil wir im allgemeinen die Veränderung als eine Frage der äußeren Umstände betrachten. Den Menschen selbst und seine Beziehung zum Leben klammern wir heute im Allgemeinen aus. Wir suchen daher z.B. in der Pädagogik ständig nach neuen Formen und Methoden, um mit der immer schwieriger werdenden Unterichtssituation an den Schulen noch fertigzuwerden.

Wie wäre es aber, wenn der Lehrer selbst sich verwandeln könnte zu einem sonnenhaft ausstrahlenden Menschen, der nicht mehr von einer Methodik abhängig ist, sondern aus einer tiefen Wahrnehmung zu den Kindern und deren Entwicklungswunsch eine unglaubliche Fertigkeit zum freien und schöpferischen pädagogischen Handeln entwickelt? Oder stellen wir uns vor, wie der Arzt sich plötzlich erhebt über Behandlungsmethoden und Konzepte und aus einem tiefen und unmittelbaren Erfassen des menschlichen Wesens heraus, aus der tieferen Sicht gar auf seine Lebenskräfte zu einer Art Heilkünstler wird.

Nun werden wohl viele einwenden, dass man sich das in der Phantasie wohl gut ausmalen könne, aber ein solches über sich selbst Hinauswachsen des Menschen doch Utopie bleiben müsse. Obwohl wir manchmal solche Menschen finden, die mit einer Art Ausnahmebegabung als ungewöhnlich freie schöpferische Menschen in der Geschichte dastehen, so denken wir doch, dass dies eben auf die Gnade einer “angeborenen” Begabung zurückgehen müsse. An die Möglichkeit, dass jeder Mensch, so er nur sein Menschsein ganz entwickelt, zu einem solchen freien Wirken gelangen kann, wagt man heute nicht zu denken und entwirft lieber eine Fülle von Programmen und Manifesten, die statt dessen den Wandel herbeiführen bzw. ihn äußerlich “verordnen” sollen.

Interessant ist es auch, sich einmal näher vor Augen zu führen, woher diese kulturelle Einseitigkeit herrührt. Wenn wir auf die kulturelle Disposition des Ostens schauen, sehen wir ganz andere Schwerpunkte: Der Yoga des Ostens stellt wiederum den Menschen und seinen Willen zur Befreiung ganz zentral in die Mitte seiner Yogaphilosophie. Hier wird ganz am Menschen selbst angesetzt, dieser wirkt jedoch nicht gestaltend auf seine Umgebung, sondern möchte mit seiner Weiterentwicklung dem Leben entfliehen. Zentral aber ist das Vertrauen auf die geistigen Fähigkeiten des Menschen und seine Möglichkeit zur Selbsttransformation.

In den Kulturen des sogenannten Westens (und diese haben heute auch den Osten weitestgehend weltanschaulich “erobert”)  wurden jedoch philosophische Fundamente gelegt, die den Menschen unter die spirituelle Autorität eines Kirchensystems gestellt haben. Obwohl die äußere Institution der Kirche langsam, aber wohl unaufhaltsam zerbröckelt und auch erfreulicherweise von immer mehr Menschen als ein dekadenter Machtapparat erkannt wird, ist die “innere Kirche” über gut eineinhalb Jahrtausende tief in allen Denkformen, in Sozial- und Verwaltungsstrukturen verwurzelt. Viel mehr, als wir es für möglich halten, determinieren uns heute noch Formen eines überlebten Bekenntnisglaubens und einer passiven Heilserwartung an äußere Insititutionen, den Staat oder die religiösen Überlieferungen und machen uns zu passiven und leicht manipulierbaren Massenmenschen.

Innerhalb eines Vortrags, der von ihm am 30. November 1919, kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs, gehalten wurde, beschreibt Rudolf Steiner den Begriff des “Neuen Yogawillens” und schafft in der ganzen Vortragsreihe (“Die Sendung Michaels”) eine umfassende Darstellung  zu einer geistigen Tatsache, die sich für seine Fähigkeit zum Schauen geistiger Zusammenhänge als ein wesentliches Forschungsergebnis ergeben hatte:  Das Wirken und die Inspiration einer geistigen Wesenheit, die man im Christentum als den Erzengel Michael kennt und bezeichnet, und die für unsere Zeit von herausragender innerer Bedeutung ist.

Michael, so Steiner, inspiriere den Menschen dann, wenn er aus eigener Entscheidung in Freiheit und Liebe für das Leben und die Kulturentwicklung eintritt. Wenn Menschen sich aus allen Gruppenzugehörigkeiten, weltanschaulichen (und damit auch Kirchen-) Bindungen lösen, sie  mutig nach Erkenntnis des Lebens ringen und aus dieser heraus zu selbstlos Handelnden werden, läge in diesem Handeln der Keim zu einer neuen Kultur der Zukunft. In diesem Mut zum Neuwerden, zum Yoga (denn dieses indische Wort aus dem Sanskrit bezeichnet im weitesten Sinne auch den Wunsch des Menschen nach Entwicklung) liegt ein neuer Yogawille.

Heinz Grill, ein zeitgenössischer spiritueller Lehrer, spricht ebenfalls von einem “Neuen Yogawillen”, wenn er die Zielrichtung seiner Arbeit und seines Werkes bezeichnen möchte. Inhalte und Grundaussagen dieser Internetseite greifen Aspekte aus seinem Werk, aus dem Werk Rudolf Steiners, aber auch aus anderen Quellen auf und wollen auf wesentliche kulturschöpferische Ideen aufmerksam machen. Dabei ist es meine Absicht, nicht eine neue Weltanschauung oder Lebenslehre im Sinne einer Programmatik zu Weltverbesserung zur Darstellung zu bringen. Vielmehr sollen sollen hier einige wesentliche und tragende Grundgedanken Perspektiven zur Kulturentwicklung im Zeichen einer Michaelskultur der Zukunft vermittelt werden.

Bernhard Spirkl

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