Home » Pädagogik, Yoga

Das Bild des freien Menschen bei Rudolf Steiner und Heinz Grill, Teil 1

22 Oktober 2009 2 Kommentare PDF

Rudolf Steiner hat die „Philosophie der Freiheit“ immer als eine Grundlage für die später von ihm entworfene Anthroposophie gesehen. In wunderbarer gedanklicher Schärfe wird uns hier das Bild des freien Menschen geschildert.

Eine der wesentlichsten Frage künftiger menschlicher Kulturentwicklung wird es wohl sein, ob sich Menschen finden, die ein freies Menschenbild in sich selbst und in ihrem sozialen Leben verwirklichen und damit aus den Massensuggestionen der Zeit auszubrechen wissen.

Der in das Zeitgeschehen vollkommen eingebundene Mensch der Gegenwart fühlt sich zwar subjektiv als „freies Individuum“, bei näherem Hinsehen stellt sich diese naive Annahme aber als Selbsttäuschung heraus. Zwar lassen die heutigen Umstände innerhalb der westlichen Gesellschaften recht weitgehende äußere Freiheiten zu, eine wirkliche innere Freiheit aber ist noch nicht gegeben. Wie ist das zu verstehen?

„Frei ist der Mensch nur wenn er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist,“ (”Philosophie der Freiheit” S.130) schreibt Rudolf Steiner. Was es aber heißt, sich selbst zu folgen, wird an einer weiteren Stelle deutlich: „Eine Handlung wird als eine freie empfunden, soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht, jeder andere Teil einer Handlung, gleichgültig ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.“

Das Bild des freien Menschen umfasst für Steiner also zweierlei: Die Freiheit vom „Zwange der Natur“ und auf der anderen Seite die Freiheit von der „Nötigung“ durch sittliche Normen, die der Mensch sich auferlegt bzw. die ihm unter Androhung von Strafe durch eine Autorität auferlegt werden.

Nun könnte mancher sogleich einwenden, dass eine vollkommene Freiheit vom „Zwange der Natur“ für den Menschen etwas Unmögliches darstellt bzw. je nach seiner Prägung sogar etwas „Ungesundes“ in einer derartigen Bemühung erblicken.

Derjenige, der einen solchen Einwand macht, verrät aber damit nur, dass er ein „Sollen“, einen Imperativ in die Darlegung von Steiner hinein interpretiert. Im Bild des freien Menschen müssen wir für diese erste Betrachtung tatsächlich erst einmal ein Ideal sehen, das das einzelne Individuum erst langsam bei sich zur Verwirklichung bringen kann, und das, wie es Heinz Grill in seiner Terminologie beschreibt, mehr ein Ziel des Menschseins in einem unendlichen Yoga des individuellen Neuwerdens bezeichnet. Diese Freiheit ist nicht etwas, in das wir von heute auf morgen eintreten könnten, sondern sie beschreibt ein Ziel des Yoga.

Was aber meint Steiner damit, dass eine Handlung nur dann als eine „freie empfunden (wird), soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht“?

Dieser, etwas geheimnisvoll scheinende, „ideelle Teil meines individuellen Wesens“ ist in der Philosophie der Freiheit sehr umfangreich hergeleitet. Etwas vereinfacht gesagt, dürfen wir es wohl mit dem eigentlichen Ich des Menschen, dem „jiva“, wie wir es im Yoga nennen, in Verbindung bringen. Dieses Ich ist dasjenige, das den Menschen zu einem einzigartigen Individuum macht und durch die Inkarnationen hindurchgeht. Sein Wesen ist geistiger Art. „Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet.“ (S.130)

Das Ich des Menschen ist also für Steiner, ebenso wie für Heinz Grill und seinen neuen Yogawillen nicht etwas, das aus dem „Fleisch und Blut“ des Körpers hervorgehen kann, sondern eine „einige Ideenwelt, die in diesem Organismus (meines Körpers) aufleuchtet“.

Mit dem Ich hat der Mensch Anteil an den „einigen Ideenwelten“ des Geistes. So ist dieser innerste Kern des Menschseins eigentlich seiner Natur nach schon frei. Dadurch aber, dass dieses Ich während eines Erdenlebens sich mit einem Körper verbindet, taucht es gewissermaßen hinein in den „Zwang der Natur“. Genau hier setzt auch der Grundgedanke des Yoga an, der den Menschen in seinem Ich stärken bzw. dieses Ich unabhängiger vom Körper machen möchte. Heinz Grill beschreibt in diesem Sinne das Ziel des Yoga:

„Ganz einfach, ohne fachterminale Zuordnung gesprochen, will der Yoga aus der Reinheit der Seele (bzw. „Der neue Yogawille“ A.d.V.) mehr die geistigen Anteile in der globalen Wesensnatur des Menschen stärken. Die geistigen und damit auch die neu zu individualisierenden Anteile sollen sich auf dem Entfaltungsweg immer mehr zu einer reiferen, stabileren und gleichzeitig geeinten Persönlichkeit erheben, so dass der Körper in seiner Dominanz mit seinen Ängsten und Beschwernissen zurückweicht und ein Licht des Individualisierten und gleichzeitig Unendlichen die Führung übernimmt.“ (Heinz Grill, “Orientierung und Zielsetzung des Yoga aus der Reinheit der Seele”, online hier).

Indem die geistigen und „neu zu individualisierenden“ Anteile sich erheben, weicht der Körper bzw. „der Zwang der Natur“, wie ihn Steiner im obigen Zitat genannt hat, zurück und der Übende erhebt sich damit immer mehr zu einer freien Individualität.

2 Kommentare »

  • Herbert said:

    Interessanter Beitrag! Bin schon gespannt auf den zweiten Teil..

  • Gotthard said:

    Schön einfach geschrieben, gut zu verstehen.

Kommentar hinterlassen

Kommentar hier hinterlassen, Trackback auf Ihrer Seite einfügen oder Kommentare als RSS abonnieren.

Um zu Ihrem Kommentar automatisch ein Bild einzufügen registrieren Sie sich bei Gravatar.