Der Begriff des „Neuen Yogawillens“ bei Rudolf Steiner und Heinz Grill
“Das muß das Bestreben des fünften nachatlantischen Zeitraums sein. Das Bestreben des fünften
nachatlantischen Zeitraums muß sein, wiederum etwas im Menscheninneren zu finden, wo sich in
dem, was wir in uns finden, zu gleicher Zeit ein äußerer Prozeß abspielt.”Zeichnung und Text aus Rudolf Steiner, "Die Sendung Michaels" 30.November 1919
Der Begriff des Yoga
Der Begriff „Yoga“ leitet sich etymologisch von der Wurzel „yui“ ab, die im Sanskrit für die Tätigkeiten des „verbindens“, „anbindens“ oder „anjochens“ gebraucht wird. So wie uns der Begriff in den alten Quellenschriften des Yoga wie etwa der Bhagavad Gita begegnet ist er sehr weit und universal auf die verschiedensten Wege und Bemühungen um eine Vereinigung des individuellen Menschseins mit dem universellen Ursprung, dem paratman bezogen. Die Bhagavad Gita hebt vor allem drei Wege des Yoga hervor, die in sich zu einem dreieinigen Pfad, einem „trimarga“ wie es Sri Aurobindo nennt, verschmelzen.
Der jnana-Yoga umfasst die Bemühung um Erkenntnis und Weisheit, der bhakti-Yoga die liebende Hingabe an den Geist und karma-Yoga, der Weg des „Handelns im Nichthandeln“ beschreibt die Loslösung von der Ich-Identifikation bei der Vollbringung von Werken und Tätigkeiten im Leben.
Rudolf Steiners Verhältnis zum Yoga
Rudolf Steiner hat sich, vor allem während der ersten Jahre seines Wirkens als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft intensiv mit dem Yoga, seiner Herkunft und Philosophie, sowie den Wirkungen einer klassischen orientalischen Yogapraxis auf die mitteleuropäische Geistesentwicklung auseinandergesetzt.
Vor allem, als Rudolf Steiner immer mehr den Schulungsweg des Rosenkreuzers als den eigentlich modernen und zeitgemäßen Geistschulungsweg herauszuarbeiten begann, finden sich oft Gegenüberstellungen der verschiedenen Schulungswege in seinem Vortragswerk, die dem damaligen theosophischen Publikum, das der theosophischen Tradition folgend vielfach selbst Yogaübungen praktizierte, zur besseren Orientierung verhelfen sollten und in denen er die Verschiedenheit der Zielsetzungen dieser Wege sehr detailliert herausarbeitet1
Steiner macht in diesen Vorträgen vielfach deutlich, dass der Yoga des Ostens den Weg, den die Menschheit hinein in die materielle Welt beschritten hat, wieder umkehren und – die bisherigen Entwicklungsstufen gewissermaßen wieder preisgebend – in die geistigen Welten aus denen sie einstmals herabgestiegen ist, wieder zurückgehen wolle.
Dem stellt er die Rosenkreuzerschulung gegenüber, die, dem Wesen eines esoterischen Christentums entsprechend, im Ich des Menschen ansetzt, und – künftige Entwicklungszustände des Menschen vorweg nehmend – vorwärtsgewandt ausgerichtet sei.
Im Bezug auf die Atemübungen, des Pranayama, die in den verschiedenen Schulen des Yoga auch heute noch einen hohen Stellenwert einnehmen, macht Steiner deutlich, wie sich das frühere „Yogaatmen“ heute in ein „Ausbilden des seelisch geistigen Atmens in dem Erkenntnisprozeß durch Wahrnehmen und Denken“ verwandeln müsse:
„Der Orientale sagt: Systole und Diastole – Einatmung, Ausatmung. Der Abendländer muß an die Stelle setzen: Wahrnehmung – Denken. Der Morgenländer sagt: Ausbilden des physischen Atems. Der Abendländer sagt: Ausbilden des seelisch geistigen Atmens in dem Erkenntnisprozeß durch Wahrnehmen und Denken.“2
Dieses Grundmotiv, auf das Steiner schon in seiner „Philosophie der Freiheit“ mit dem Zusammenwirken von Denken und Wahrnehmung hindeutet, taucht über die Jahre seines Wirkens im Vortragswerk wiederholt auf und kumuliert am 30. November 1919 im Vortragszyklus „Über die Sendung Michaels“ in der Aufforderung nach der Entwicklung eines „Neuen Yogawillens“:
„Von außen wirken die Weltgedanken in uns herein, von innen wirkt der Menschheitswille hinaus. Es durchkreuzen sich Menschheitswille und Weltgedanken in diesem Kreuzungspunkte, wie sich im Atem (als die Atemluft noch beseelt war A.d.V.) das Objektive mit dem Subjektiven einstmals überkreuzt hat. Wir müssen fühlen lernen, wie durch unsere Augen unser Wille wirkt, und wie in der Tat die Aktivität der Sinne leise sich hineinmischt in die Passivität, wodurch sich Weltgedanken mit Menschheitswillen kreuzen. Diesen neuen Yogawillen, den müssen wir entwickeln. Damit wird uns wiederum etwas ähnliches vermittelt, wie vor drei Jahrtausenden den Menschen in dem Atemprozeß vermittelt wurde.“
Hiermit wird deutlich, dass für Steiner ein Anknüpfen an heute überholte Formen eines „Alten Yogawillens“ für moderne und zukünftige geistige Schulungswege nicht mehr möglich erscheint.
Der „Neuen Yogawille“ bei Heinz Grill
Als Heinz Grill Ende der 80er Jahre seinen von ihm damals als „Yoga aus der Reinheit der Seele“ benannten Yogaweg entwickelte, war ihm das Werk Rudolf Steiners nur in wenigen Ausschnitten bekannt. Er schöpfte von Anfang an aus den eigenen Quellen eines geistigen Schauvermögens, das sich ihm von der frühen, vom Bergsteigen geprägten Jugend an, immer mehr erschlossen hatte. Vor Heinz Grill stand damals recht deutlich die Notwendigkeit, den Yoga und seine Übungen in einen neuen Kontext stellen zu müssen, sollte dieser als Weg für den heutigen Menschen als spiritueller Weg wieder fruchtbar und gangbar werden.
Die Körperübungen (asana), welche im heute üblichen Yoga meist mit dem Ziel der Energieaufladung einhergehen, sollten nicht als Mittel der Aufladung mit prana (Ätherenergien) genutzt werden, sondern wurden von Heinz Grill zu einer künstlerischen Ausdrucksform imaginativen Erlebens umgeformt. Ähnlich wie die Eurythmie den imaginativen Gehalt eines Buchstabens zum Ausdruck bringen kann, dieser Ausdruck aber nur dann real zustande kommt, wenn der Eurythmist bereits einen Sinn für die imaginative Dimension des Lautes entwickelt hat, so sollten die Übungen des Yoga primär der Sinnentwicklung für die Imaginationen dienen, welche wiederum ihren künstlerischen Ausdruck im Körper finden können. Die Yogaübung wird damit nicht mehr als Methode zur Aufladung oder auch kontemplativen Versenkung verwendet, sondern erhält ihren Status als Ausdrucksfeld künstlerischer Betätigung.
Waren die ersten Bücher, wie das 1989 erschienene „Harmonie im Atmen“ noch mehr, wie Heinz Grill heute sagt, vom Erleben der Empfindungsseele geprägt, so lässt sich an den nun Jahr für Jahr neu erscheinenden Büchern eine Entwicklung ablesen, welche die Begrifflichkeiten immer deutlicher herausarbeitet.
Das klassische, auf absoluten Gehorsam ausgerichtete Lehrer-Schüler Verhältnis des Yoga, erhält bei Heinz Grill eine Umdeutung in ein „Arbeitsbündnis“, innerhalb dessen sowohl Lehrer als auch Schüler auf das gleiche Ziel zugehen, ihr Leben zu einer Gabe für die Weltenentwicklung zu machen. Das Pranayama („Yogaatmen“), dem er in „Harmonie im Atmen“ noch ein eigenes Kapitel widmete, verliert in den folgenden Jahren immer mehr an Bedeutung und Heinz Grill betont stärker die exakte Gedankenbildung anhand von Texten im Sinne eines spirituell-mentalen Studiums.
Als schwierig integrierbar für moderne spirituelle Wege erachtet H. Grill die Formen des Yoga, die Gruppenenergien zu Aufladung benutzen. Das Einschwingen innerhalb von Gruppen, z.B. auf ein Mantra, ist auch im modernen Yoga weit verbreitet und gibt dem Übenden das Gefühl eines Getragen-Seins von diesen Energien. Aus geistiger Sicht ist für Heinz Grill dabei aber oft zu beobachten, wie durch die damit einhergehende Ich-Aufgabe heute im steigenden Maße Wesenheiten den Übenden ergreifen, welche einer gesunden Entwicklung und Ausstrahlung abträglich sind3.
Eine der wesentlichsten Grundaussagen von Heinz Grill in diesem Zusammenhang ist es, dass weder der Lehrer, noch eine Gruppenenergie, noch eine Übungstechnik die Entwicklung des Ich von Außen impulsieren kann, vielmehr sollte an die Stelle der mehr energetischen Übungsweisen des Hatha-Yoga eine fundierte Schulung der Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens anhand von Seelenübungen und Körperübungen treten, damit das Ich in den Weltenzusammenhang auf richtige Weise eintreten kann. So schreibt Heinz Grill über die Orientierung seines Yoga:
„Ohne die fachliche und intensive Schulung der Seelenkräfte und ohne Entwicklung einer gewissen übersinnlichen Erkenntnisfähigkeit kann wohl heute eine spirituelle Yogadisziplin nicht mehr bestehen. Das Denken darf deshalb im Sinne des Yogaweges nicht zu einem zu schnellen und vorzeitigen ruhigen Schweigen geführt werden, sondern es muss auf eine spezielle fachspezifische Weise durch den sogenannten Gedankenbildevorgang zu einem eigenen und universalen Wesensglied weiter entwickelt werden. In der Gedankenbildefähigkeit atmet die erste Grunddisziplin des schöpferischen Geistes.“4
Ganz zentral durchzieht auch der bereits erwähnte Grundgedanke von Rudolf Steiner bezüglich des Vorwärts- bzw. Rückwärtsgehens in der spirituellen Entwicklung das Lebenswerk von Heinz Grill, für welches er ab etwa dem Jahr 2000 immer häufiger auch die Begrifflichkeit des „Neuen Yogawillens“ als Bezeichnung verwendet. Wiederholt und engagiert weist er in seinen Vorträgen und Büchern darauf hin, dass die heute in esoterischen Kreisen, kirchlichen Gruppen, oder Yogakreisen, meist im Sinne einer Art emotionalen Suche nach Einheitserfahrungen praktizierten Meditationsformen den Übenden vielfach an seinen Körper und damit an sein Karma zurückbinden würden und er damit Gefahr laufe, einen Weg der Entwicklung zu beschreiten, der ihn in eine stärkere Subjektivität führt, und dem Ideal einer zunehmenden Empathiefähigkeit entgegenlaufen würde. Wegen dieser Aussagen sah sich Heinz Grill immer wieder heftigen Angriffen von Seite der katholischen Kirche, aber auch mancher Yogaschulen und Verbände ausgesetzt.
Im Kern strebt der neue Yogawille eine Neugründung des Menschen in spirituellen Gedanken und damit in einem ersten imaginativen Bewusstsein an und offeriert dazu eine Art der Bewusstseinsschulung und Sinnentwicklung mit Körperübungen, die bisher in dieser Art noch nicht existent gewesen ist. Aus der neu gewonnenen Freiheit und dem reifen Ich-Standpunkt eines zunehmend imaginativen Gedankenlebens heraus wird es dem Übenden schließlich möglich, das Leben inhaltlich besser zu formen, spirituelle Inhalte in den einzelnen Gebieten seines Lebens einzugliedern und sich im Ich einerseits mit dem irdischen, sozialen Leben besser zu verbinden, andererseits aber auch den seelisch-geistigen Welten mit neuen Erkenntnissen entgegen gehen zu können.
Autor: Gaby Hirschvogel
1 So z.B. am 6.Juni 1907 in München (GA 99)
2 3. Oktober 1920, GA 322
3 Siehe z.B. Heinz Grill, „Über die Einheit von Körper, Seele und Geist“, Soyen 1997; Vortrag: Praktische Perspektiven zur Seelsorge im esoterischen Bereich.“
4 Heinz Grill, „Seelendimension des Yoga“, Neuauflage 2009


Durch die Recherchen für einen öffentlichen Vortrag über den neuen Yogawillen ist mir auch die Verbindung der Theosophen (Anni Besant, Kishnamurti, und damals auch noch Rudolf Steiner) zum indischen Yoga aufgefallen. Ich habe dann während des Vortrags darauf hingewiesen, dass es eigentlich diese Menschen waren, die den Yoga nach Europa gebracht haben.
Vielleicht war es auch so, dass eben diese damaligen frühen „Esoteriker“ im Jahre 1893 auch im Publikum in Chikago saßen, als Vivekananda beim „Weltparlament der Religionen“ den indischen Hinduismus vertrat und zum ersten Mal die vier Yogarichtungen karma, bhakti, jnana und raja-Yoga der westlichen Öffentlichkeit vorstellte?
Ich dachte, dass sie zumindest Kenntnis davon haben mussten, denn sie haben zur selben Zeit gelebt. Als Vivekananda 1893 in Chikago sprach war Rudolf Steiner 32 Jahre alt . Ab ca. 1900 begann ja dann die Rezeption des Yoga in Deutschland durch die Theosophen.
Zu der neu zu schaffenden Verbindung von Innen und Außen, dem so genannten „Lichtseelenprozess“:
Es muss ja eine praktische Ausgestaltung dieses neuen Prinzips der „Seelen-Aufnahme“ oder – Stärkung und Vervollkommnung geben. Sie geschieht also nicht mehr wie früher über das Atmen sondern über den Bewusstseinsprozess des vom Ich geleiteten Sinnesprozesses (Beobachtung) und verschiedener anderer mentaler Prozesse wie Bildung einer Vorstellung, Rückerinnerung, Fragen, Weiterführen und Konzentrieren von Gedanken. So viel kann ich gut nachvollziehen.
Um diesen Prozess der bewusst herbeigeführten Verbindung des individuellen Inneren mit dem Äußeren der Umgebung zu verdeutlichen, habe ich während meines Vortrags eine Seelenübung, wie sie von Heinz Grill in mehreren Veröffentlichungen beschrieben wird, gemacht:
Das Wesen des Kupfers sollte durch Anschauen von verschiedenen Kupfer-Gegenständen ergründet werden. Es scheint mir nämlich so, dass die Verbindung von Innen und Außen vor allem dann entsteht, wenn wir das Wesen einer Sache außerhalb von uns erkennen und erleben. Indem wir den inneliegenden Gedanken (die Imagination) als wahr erleben werden wir in einem ersten Sinne „eins“ mit ihm, wir erkennen ihn. Wir fühlen beispielsweise die Wärme, die künstlerische und entkrampfende Wirkung des Metalls in diesem Falle.
Es würde mich auch interessieren, wie andere Leser diese Verbindung zwischen Innen und Außen erleben, bzw. selbst herstellen und diesen „Lichtseelenprozess“ im Sinne des neuen Yogawillens erleben?
Ein spannendes Thema! Danke für`s Einstellen.
Kommentar hinterlassen